History

Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Göttingen

Mit Professor Dr. med. Jan Hildebrandt ging im September 2005 ein Pionier der Schmerztherapie in den Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft zum Studium des Schmerzes für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die sich am 8. September 1975 im Palazzo del Congressi in Florenz gründete. Sein Wirken hat die deutsche Schmerzforschung in mehreren Bereichen beeinflusst und stark geprägt.

Prof. Dr. Jan Hildebrandt

Prof. Hildebrandt ist Geburtsjahrgang 1940, wurde in Stolzenau an der Weser geboren, verbrachte einige Jahre in Leipzig, weswegen es ihm ein Herzensanliegen war, einmal den Schmerzkongress der DGSS in dieser Stadt umzusetzen, was ihm 2004 zusammen mit Priv.-Doz. Dr. med. Bernd Wiedemann mit großem Erfolg gelang. Das Medizin-Studium absolvierte er 1962–1968 in Würzburg, Hamburg und Göttingen. 1971 wurde er Assistent am Institut für Klinische Anaesthesiologie am Klinikum der Georg-August-Universität Göttingen, ab 1974 als Oberarzt.

Jenseits von „Beutel und Maske" begeisterte er sich bereits in frühen Jahren für die Schmerzbehandlung. Im Jahr 1976 konnte er es erreichen, für 4 Monate freigestellt zu werden, um an verschiedenen Schmerzkliniken in den USA zu hospitieren. Dort wurde der Grundstein zu seinem interdisziplinären Verständnis der Schmerzbehandlung gelegt. Ein Jahr später hospitierte er 10 Monate lang als Assistenzarzt in der Neurologischen Universitätsklinik in Göttingen. In diesem Jahr gründete Prof. Hildebrandt an der Universitätsklinik die Ambulanz für Schmerzbehandlung des Zentrums. Insbesondere im Zusammenwirken mit der Psychologin Carmen Franz, die sich seit einiger Zeit eher leise von der schmerztherapeutischen Bühne verabschiedet hat, entstand eine interdisziplinär ausgerichtete Abteilung, die in ihren Anfängen aus einer Krankenschwester, einer Psychologin, einer Physiotherapeutin und Jan Hildebrandt selbst bestand.

Seine Habilitation erfolgte 1986 mit dem Thema "Diagnostik und Klassifikation chronischer, idiopathischer Rückenschmerzen

 

Erste Schwerpunktprofessur Algesiologie

Im Oktober 1989 erfolgte der Ruf auf eine Schwerpunktprofessur "Algesiologie" an der Universitätsmedizin Göttingen, damals und heute die erste Algesiologie-Professur in Deutschland. Aus den Ergebnissen seiner Habilitationsschrift und den Erfahrungen aus den USA-Aufenthalten entwickelte sich das gemeinsam mit Carmen Franz erarbeitete neue Konzept in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen, das als Göttinger Rücken Intensiv Programm (GRIP) große Beachtung gefunden hat und den Schwerpunkt der klinischen Forschung in der Göttinger Schmerzambulanz bildete.

Mehrere Forschungsprojekte (BMBF, BaFAM, DFG) wurden in diesem Rahmen durchgeführt, 1994 erhielt die Göttinger Arbeitsgruppe den Förderpreis für Schmerzforschung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes. Heute hat dieses Konzept, das in den letzten Jahren sowohl auf andere Schmerzgruppen erweitert als auch auf Grundlage neuer Forschungsergebnisse adaptiert wurde, eine weite Verbreitung in der schmerztherapeutischen und rehabilitationswissenschaftlichen Szene gefunden: Mehrere Institutionen haben das Konzept nahezu 1:1 übernommen und führen es an den eigenen Standorten durch.

Jan Hildebrandt ist im September 2005 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und emeritiert, hat aber weiterhin engen Kontakt in die Schmerzszene gehalten und wird in Weiterbildungen und Publikationen, auf Kongressen wie auch bei der Mitarbeit in Leitlinien-Gremien (s.u.) seine Fachexpertise noch lange an Interessierte und Betroffene weitergeben.

 

Im Juli 2008 folgte Prof. Dr. med. Michael Strumpf dem Ruf auf die Universitätsprofessur für experimentelle und klinische Schmerztherapie an der Universitätsmedizin Göttingen und übernahm die Leitung des Bereichs Schmerztherapie im Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin. Im Juni 2009 verstarb er plötzlich und unerwartet. Während seines kurzen Wirkens in Göttingen hat er zusammen mit dem Göttinger Schmerzteam Projekte auf den Weg gebracht, Veränderungen angestoßen und umgesetzt.

 

Prof. Dr. Michael Strumpf

Michael Strumpf studierte Medizin in Lüttich, Düsseldorf, Bochum und Essen und wurde Assistenzarzt in der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum. Zusammen mit seinem damaligen Chef, Prof. Dr. med. Michael Zenz, baute er ab 1986 die Bochumer Schmerzklinik auf. Ab 1992 etablierte er zusammen mit Prof. Zenz die ersten Repetitorien und Intensivkurse Schmerztherapie in Deutschland, die später zur Einführung der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie" beigetragen haben. Michael Strumpf habilitierte im Jahr 2000 und war der erste Habilitant auf dem Gebiet der Schmerztherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Er war Oberarzt und stellvertretender Klinkdirektor in der Universitätsklinik Bergmannsheil und dann kurzfristig auch in der Universitätsklinik Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer, bevor er 2002 Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen wurde. Neben seiner anästhesiologischen und intensivmedizinischen Tätigkeit leitete er dort bis 2008 das Schmerzzentrum am RKK, Bremens einzige Einrichtung mit stationären Betten für Schmerzpatienten. Michael Strumpf baute das Schmerzzentrum zur Hauptanlaufstelle für ambulante und stationäre Schmerztherapie aus und machte es überregional bekannt.

In der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) hat sich Michael Strumpf über viele Jahre engagiert. Er arbeitete in Kommissionen und Arbeitskreisen, war mehrere Jahre Mitglied des Präsidiums und wurde 2008 zum designierten Präsidenten der DGSS gewählt. Der Deutsche Schmerzkongress fand 2005 unter seiner Leitung in Bremen statt. 2003 bis 2008 war er Präsident der Sertürner Gesellschaft e. V..

In vielen wissenschaftlichen Publikationen und Buchbeiträgen hat er sich neben vielfältigen Themenbereich der Schmerztherapie insbesondere mit dem Thema „Opioide in der Schmerztherapie" beschäftigt. Zusammen mit Prof. Michael Zenz hat er in drei Auflagen das Taschenbuch der Schmerztherapie herausgegeben, ein Kitteltaschenbuch mit Leitfäden zur Behandlung von Schmerzen, das auch ins polnische übersetzt wurde. 2006 gab Michael Strumpf zusammen mit Prof. Ralf Baron im Springer Verlag das Lehrbuch „Praktische Schmerztherapie" heraus, das 2011 in der 2. Auflage erschienen ist.

Ein besonderes Anliegen war Michael Strumpf immer die Interdisziplinarität, die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen in der Schmerztherapie – auf Augenhöhe und gleichberechtigt. Mit hervorragenden rhetorischen und didaktischen Fähigkeiten und mit Begeisterung und Engagement hat er seine Lehrtätigkeit ausgeübt und vielen Studenten, Hospitanten und Gastärzten die Schmerztherapie näher gebracht. Er hat sich für eine qualitativ hochwertige Versorgung der Schmerzpatienten eingesetzt und sich immer für die Belange seiner Patienten interessiert. Mit Michael Strumpf haben wir einen hoch engagierten Arzt, Wissenschafter, Lehrer und profilierten Schmerztherapeuten verloren.

 

Ein besonderes Erbe ....

Kaum jemand verfügt über größere Erfahrungen zum aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand beim Thema Rückenschmerzen als Prof. Hildebrandt. Er war Mitglied im Steuerungskomitee der Europäischen Behandlungsleitlinien für den Rückenschmerz wie auch Mitglied des Expertengremiums für die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz, zu der auch Prof. Pfingsten aus der Schmerzklinik Göttingen gehörte). Gegen Ende seiner Amtszeit entstand dann auch noch das „Hildebrandt‘sche Vermächtnis": die Herausgabe des deutschsprachigen Buches über Rückenschmerzen mit namhaften nationalen und internationalen Autoren, das seit 2013 in der zweiten und überarbeiteten Auflage (im bewährten Herausgeber-Team Hildebrandt & Pfingsten) vorliegt.

Die vielfältigen Aktivitäten von Prof. Strumpf in Fachgesellschaften und Berufsverbänden fand seine Fortsetzung durch die Aktivitäten von Herrn Prof. Pfingsten (2008-2012) und Herrn Prof. Dr. Petzke (2010-2014) im Vorstand der DGSS (Vizepräsident und Schatzmeister) und seitdem zusammen mit Frau Willweber im Beirat der Deutschen Schmerzgesellschaft.

Nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass die grundsätzliche Gestaltung und Vorbereitung dieser Internetseiten noch durch Prof. Strumpf erfolgte – wir haben sie lediglich aktualisiert und überarbeitet.