Psychologie

 

Psychologie und Schmerz

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Michael Pfingsten
Leitender Psychologe
Spezielle Schmerzpsychotherapie
Dipl.-Psych. Anne Willweber
Spezielle Schmerzpsychotherapie
Dr. phil. Dipl.-Psych. Andrea Wendt
Spezielle Schmerzpsychotherapie

 

Wie erleben wir Schmerz?

Schmerz ist entgegen unserer Alltagserfahrung kein einfaches physiologisches Signal, das vor tatsächlichen oder drohenden körperlichen Schäden warnt. Auch wenn diese Warnfunktion biologisch sinnvoll und (über-) lebensnotwendig ist, führen die als „Nozizeption“ bezeichneten neurophysiologischen Prozesse nicht automatisch zur Schmerzwahrnehmung. Dafür gibt es mehrere anschauliche Beispiele: Während religiös motivierter Rituale ertragen Menschen körperliche Verletzungen ohne wesentliche Anzeichen von Schmerzerleben in Verhalten und körperlicher Reaktion. Trotz z.T. schwerer Verletzungen werden bei schweren Unfällen, im Sport und bei kriegerischen Auseinandersetzungen Schmerzen nicht sofort wahrgenommen. Solche extremen Erfahrungen waren der Anlass, einfache, mechanistische Vorstellungen vom Schmerzerleben in Frage zu stellen. Die Schmerzforschung konnte inzwischen nachweisen, dass solche Phänomene keine Ausnahmen sind, sondern die Regel darstellen: Bereits akuter Schmerz wird in erstaunlicher Weise durch viele Faktoren beeinflusst, und ist damit als eine komplexe Erfahrung zu beurteilen, die von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird.

 

Schmerz im Experiment

In Schmerzexperimenten zeigt sich regelhaft, dass Erwartungen, Bedrohungscharakter oder Einflussmöglichkeiten der Versuchspersonen mit der erlebten Schmerzstärke enger zusammenhängen als physikalische Reize (Hitze, Druck, Kälte). Umgekehrt können Situationen, in denen keinerlei Schädigungen bzw. Schmerzreize vorliegen, dennoch zu Schmerzwahrnehmung führen. Wurden Versuchspersonen in einem Experiment an eine gefährlich aussehende Apparatur angeschlossen, die angeblich gelegentlich elektrische Spannung im Kopf verursachen konnte, erlebte die Hälfte von ihnen deutlich ausgeprägte Kopfschmerzen, obwohl kein Schmerzreiz appliziert wurde. Diese Phänomene wurden früher unter der Rubrik „Einbildung“ subsummiert. Tatsächlich belegen sie aber, dass unser Nervensystem keine passive „Reizverarbeitungsmaschine“ ist. Das Erleben von Schmerz ist vielmehr eine aktive Leistung unseres Nervensystems. Zudem verändern Schmerzinformationen selbst die Eigenschaften des peripheren und zentralen Nervensystems, können zur Sensibilisierung von Rezeptoren führen oder, wie bei Phantomschmerzen, zentrale Veränderungen nach sich ziehen, so dass ein Erleben von Schmerz ohne periphere Schmerzreize zustande kommt. Patrick Wall, ein Physiologe und einer der führenden Schmerzforscher, brachte diese Vorgänge auf eine einfache Formel: „Das Komplizierte beim Mensch ist: die Hardware ist die Software und umgekehrt“.

 

Schmerz und Stress

Schmerz ist ein äußerst wirksamer Stressor, auf den wir sowohl mit unseren Fähigkeiten wie auch unseren Defiziten zur Bewältigung antworten und dessen weitere Entwicklung durch die Wechselwirkung mit biologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird. Diese psychophysiologische Wechselwirkung und die Informationsverarbeitung durch die sog. „Neuromatrix“ (dynamische Verarbeitung von Informationen in unterschiedlichen Gebieten des Gehirns) ist nicht nur komplex, sondern von Mensch zu Mensch variabel, vermutlich ähnlich wie unsere Fingerabdrücke.

 

Hilft psychologische Therapie bei Schmerzen?

Die Effektivität einer psychologischen Schmerztherapie bei Patienten mit chronischen Schmerzen ist hinreichend belegt. Dabei haben sich insbesondere kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze als erfolgreich erwiesen. Sowohl im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen als auch im Vergleich mit medikamentösen Monotherapien konnte die Überlegenheit der interdisziplinären Schmerztherapie bei Schmerzreduktion, Gebrauch von Analgetika, Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen, Behinderung, Rückkehr an den Arbeitsplatz und Beendigung sozialmedizinischer Verfahren nachgewiesen werden. Ziele der psychologischen Schmerzbehandlung sind die Verbesserung der Selbstkontrollfähigkeiten und Problemlösekompetenzen der Patienten. Interventionen zur Veränderung von kognitiv-emotionalen Prozessen sollen zu einer Verminderung kognitiver Verzerrungen und negativer Affektivität, zu einer Verbesserung des Wohlbefindens sowie gleichzeitig zu einer verbesserten Verhaltenssteuerung führen. Inzwischen werden zunehmend zusätzlich Therapieverfahren und -techniken integriert, die ergänzend zum Konzept der Schmerzbewältigung das Therapieziel auf einen angepaßten Umgang mit Schmerzen mittels Akzeptanz, Umbewertung und Konzentration auf realistische Ziele richten. Entsprechend dem bio-psycho-sozialen Charakter von Schmerz sind verhaltenstherapeutische Programme besonders erfolgreich, wenn sie in ein komplexes interdisziplinäres Vorgehen eingebettet sind. In die Behandlung sind medizinische, sporttherapeutische, ergotherapeutische, physiotherapeutische und psycho-therapeutische Interventionen unter einem standardisierten Gesamtkonzept integriert. Dieses „multimodale“ Vorgehen führt zu sich gegenseitig ergänzenden und verstärkenden Effekten in verschiedenen Bereichen.